Wie es sich wirklich anfühlt, bei Eltern aufzuwachsen, die einem jede Chance auf eine Kindheit nehmen, davon erzählt Angelika Klüssendorf – wieder einmal, muss man sagen – in ihrem neuen Buch „Risse“. Hier verarbeitet die ostdeutsche Autorin zehn Geschichten, die sie 2004 unter dem Titel „Aus allen Himmeln“ veröffentlicht hat. Jetzt hat sie diese 20 Jahre alten schockierenden Geschichten aus ihrer Kindheitshölle umgeschrieben und mit Kommentaren versehen. Sie belegen, wie sich Vergangenes immer noch verändern kann, einfach durch unsere veränderte Perspektive auf das Geschehen. Und sie zeigen die fluiden Grenzen zwischen Wahrheit, Wirklichkeit und Fiktion. Angelika Klüssendorf ist mittlerweile 64 Jahre alt, und noch immer lässt sie das Erlebte nicht los. Gleichzeitig wandelt sich der Blick auf ihre Eltern fortlaufend. Die haben ihr und ihrer jüngeren Schwester das Schlimmste zugemutet: Alkoholismus, Gewalt, Suizidversuche und Verwahrlosung. Manche Bilder, die man nach der Lektüre von Klüssendorf im Kopf hat, sind nur schwer wieder loszuwerden. In der sechsten Folge des Literatur-Podcasts unserer Zeitung diskutieren Chefredakteur Thomas Thelen und Redakteurin Andrea Zuleger über das autofiktionale Buch „Risse“, das auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis steht. Sie sprechen darüber, wie weit man das eigene Leben zur Produktion von Literatur benutzen darf, wann Schreiben zur Therapie wird und ob das Genre Roman trotzdem passt. Außerdem geht es um die Unterschiede in der Beziehung von Töchtern zu ihren Vätern und Müttern und die Fähigkeit zum Mitgefühl durchs Lesen.